Meldung vom 12.06.2026
Es war das bislang kräftigste Lebenszeichen! Pünktlich vor dem Heimturnier am Wiener Heumarkt (12. bis 14. Juni) spielten sich Österreichs 3x3-Herren mit einem siebenten Platz bei der Weltmeisterschaft in Warschau vor einer Woche endgültig wieder in Top-Form. "Wir haben uns und der 3x3-Welt bewiesen, dass wir zur Weltspitze gehören", frohlockte Fabio Söhnel. Der Viertelfinal-Einzug mit überzeugenden Siegen – wie jenem gegen Weltmeister Spanien – war der vorläufige Höhepunkt eines Erfolgslaufs, der zuvor schon den Sieg beim Quest in Stockerau und den fünften Rang beim Masters in Zadar brachte. Hinter den aktuellen Top-Leistungen von Nico Kaltenbrunner, Quincy Diggs, Toni Blaza, Fabio Söhnel, Enis Murati und Steven Kaltenbrunner steckt nicht nur die Verpflichtung von Legionär Stefan Stojacic, sondern auch der Input von Matthias Linortner aka "Matty Ice". Ausgerechnet der rekonvaleszente 3x3-Star übernahm im Mai interimistisch das Amt des Head Coaches und hat seine ehemaligen (und zukünftigen) Teamkollegen in Windeseile wieder auf Kurs gebracht. Wie ist dem 29-jährigen Oberösterreicher der Turnaround gelungen?
"Es war eine zerfahrene Situation", erinnert sich Linortner an die Zeit seiner Amtsübernahme vor etwa zwei Monaten zurück. Die rot-weiß-roten Basketballer waren gerade mit zwei Niederlagen und ohne Sieg im Gepäck vom World-Tour-Opener im japanischen Utsunomiya zurückgekommen und standen nach dem überraschenden Rückzug von Coach Nebojsa Boskovic ohne Trainer da.
"Die Spieler waren geknickt. Der Glaube, mit den Besten der Welt mitspielen zu können, war ein wenig verlorengegangen", so Linortner. Hinter den eigentlich erfolgsverwöhnten Österreichern, die 2024 EM-Gold und zwei Masters gewannen, lag aber weit mehr als der Rücktritt des Coaches und ein durchwachsenes Turnier.
"Hop oder Drop"
Schon seit der Weltmeisterschaft 2025 war bei den 3x3-Profis der Wurm drinnen. Damals verletzten sich beim Saisonhöhepunkt in Ulaanbaatar Toni Blazan (Meniskus) und Linortner (Kreuzbandriss). Wenig später büßte das Team auch noch Enis Murati (Hand) ein. "Dadurch hat uns Leadership am Feld und abseits des Feldes gefehlt", so der Gmundner. Die Rollenverteilung und das klare Konzept, das die Österreicher immer auszeichnete, verwässerten nach und nach. "Das hat sich dann auf Teamchemie und Selbstvertrauen durchgeschlagen", erklärt Linortner. "Wir waren dann ein Hop-oder-Drop-Team', das zwar immer noch einzelne Erfolge, wie den Masters-Titel in Debrecen (2025, Anm.), verbuchen konnte, aber seine Konstanz eingebüßt hatte."
Weil sich das bis Mai dieses Jahres nicht geändert hatte und nach dem Boskovic-Abgang kein neuer Trainer ante portas stand, fiel die Wahl für den Posten des Interimscoaches auf Linortner. "Eine komische Situation für die Spieler, aber auch für mich", räumt der Oberösterreicher, der 2024 das Damen-Nationalteam bei der Heim-EM zum sechsten Platz führte, ein. Doch er und die Spieler gewöhnten sich schnell an die neue Rollenverteilung. Vor allem deshalb, weil Linortners Ansätze fruchteten.
Team-Defense und Sonderaufgaben
"Matty Ice", so sein 3x3-Rufname, setzte den Hebel zunächst einerseits auf mentaler Ebene und andererseits beim Defensiv-Konzept an. "Als erstes habe ich den Jungs vor Augen geführt, dass wir, wenn wir unsere Hausaufgaben machen, gegen jeden gewinnen und ganz vorne mitspielen können." Die wichtigste dieser Hausaufgaben? Defense! "Unsere Konstante muss das Spiel gegen den Ball sein. Wenn wir die Gegner bei einer geringen Punktezahl halten, dann können wir auch mit niedriger Wurfausbeute gewinnen", verdeutlicht der Interimscoach. Und der Plan ging voll auf.
In den 14 Spielen unter Linortner hielten Vienna beziehungsweise das Nationalteam die Gegner zehn Mal unter 16 Punkten, zehnmal gab's einen Sieg. Defensive Disziplin zahlte sich also aus – und das setzte im Team neue Kräfte frei. So arbeiten die Österreicher auf dem Feld wieder intensiver zusammen, um die Zielvorgaben des Trainers im Spiel gegen den Ball zu erfüllen. Das Feuer und die Energie, die im 3x3 wesentliche Erfolgszutaten sind, kehrten zurück. "Wir machen zwar noch immer kleinere Fehler, haben Abstimmungsschwierigkeiten, aber die Spieler erkennen das selbst und korrigieren sich gegenseitig. Das ist das Beste, was passieren kann."
Linortner bedient sich aber noch eines weiteren Tricks, "um die Spieler accountable zu halten", wie er sagt. Jeder bekommt für ein Training, Spiel und Turnier "Sonderaufgaben", die er erfüllen muss. "Die Spieler nehmen diese Tasks sehr ernst, ich muss ihnen ein großes Kompliment machen. Sie ziehen voll mit. Generell muss ich mit beim Team und beim Verband für das große Vertrauen bedanken."
"Vierte Karriere" smarter gestalten
Die meisten Tasks erlegt sich Linortner aber wohl selbst auf. "Ich denke den ganzen Tag über Basketball nach, was sehr, sehr fordernd ist. Aber ich habe noch viel zu lernen." Ob er sich eine Coaching-Karriere vorstellen kann? "Jucken würde es mich!" Für die berufliche Zukunft außerhalb des Basketballs hat der studierte Wirtschaftsrechtler aber dennoch längst gesorgt. Und außerdem hat der 3x3-Star als aktiver Spieler noch einiges vor.
Sein Comeback auf dem Feld peilt er für Sommer an. "Aber ich will meine vierte Karriere smarter gestalten", so der 1,95m-Mann, der vor seinem ersten Kreuzbandriss (2019) erfolgreicher BSL-Spieler für die Swans war, danach bis zu seinem Achillessehneneinriss (2024) zu einem der besten 3x3-Spieler weltweit wurde und dessen Comeback-Saison bis zu seinem zweiten Kreuzbandriss (2025) viel zu kurz war. "Ich muss in Zukunft ein besseres Belastungsmanagement an den Tag legen."
"Heimspiele" gegen Serbien
Den Traum von den Olympischen Spielen 2028 will Linortner jedenfalls als Spieler leben. Zunächst steht aber zumindest für ein paar Wochen noch die Trainertätigkeit im Vordergrund. Am Wochenende steigt mit 3x3 VIENNA presented by win2day das "Heimturnier" auf dem Heumarkt.
Die Österreicher bestreiten am Samstag beide Gruppenspiele – jeweils gegen serbische Teams. Um 15:50 Uhr wartet Ex-World-Tour-Champ Liman und um 22:25 Uhr Roter Stern. Angesichts der hunderten serbischen Fans, die erwartet werden, dürfte die A1 Arena zum Tollhaus werden. "Das mit der Energie wird kein Problem sein." Auch dank "Matty Ice".